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"TEXTLANDSCHAFTEN UND BILDER FÜR STOFFE"

 
"Textlandschaften und Bilder für Stoffe –

geschrieben mit der Nähmaschine,
verstofft mit Nadel und Faden"

Gedanken zur Ausstellung von Rita Zepf, Berlin
U.R. Galerie, Kunsthofpassage Dresden – 18.03.2011



Liebe Damen und Herren, verehrte Kunstfreunde,
liebe Rita Zepf –

... ich möchte sie einladen auf eine Wanderung durch eine ganz besondere Landschaft...

Haben sie ihre Wanderschuhe geschnürt?
Ist ihr Rucksack gepackt?
Noch wichtiger – für Brillenträger – ist ihre Brille geputzt?

Es wird eine Wanderung, wo wir viel verweilen werden, verweilen, um zu lesen und zu entdecken. Wir werden lesen, die Botschaften und Gedanken der Textilkünstlerin Rita Zepf aus Berlin.
Eingebettet in Bilder und Bild-Geschichten ermöglichen uns die Textpassagen, näher heran zu kommen, an inhaltliche Anliegen.
Wir werden angesprochen, wir bejahen und verneinen, wir suchen Verbindungen von Gesagtem und bildhaft Sichtbarem.

Dazu Guy de Maupassant, französischer Schriftsteller und bedeutender Verfasser von Novellen der Weltliteratur des 19.Jahrhunderts:
"Jede gute Geschichte ist natürlich Bild und Gedanke in einem, und je inniger beide verwoben sind, um so besser ist das Problem gelöst."
Diese Behauptung lässt sich auch umkehren: Jedes gute Bild ist natürlich Geschichte und Gedanke in einem. Und je inniger beide verwoben sind, desto besser ist das Problem der künstlerischen Umsetzung gelöst.
An diesem Punkt, wo Gedanke, Geschichte und Bild eine Einheit zu werden scheinen, findet Rita Zepf ihre Herausforderung.

Das erwähnte "Verwobene" ist dabei – textiltechnisch gesehen – bei ihr fast wörtlich zu nehmen. Es wird geklebt, gebügelt, appliziert, gedruckt, genäht.

Als Leser sind wir es gewohnt, Texte auf Papier oder auf dem Bildschirm zu lesen. Texte, die geschrieben, gezeichnet, gedruckt, gemalt wurden; mit Kugelschreiber, Tinte, Graphit, Acryl und Öl ...

Heute können wir eine interessante Entdeckung machen:

Rita Zepf schreibt Texte mit der Nähmaschine auf Stoff.
Wenn wir die Entdeckung machen, sollten wir einen Moment länger Zeit haben. Nicht immer erschließen sich Text, Textur und Inhalt auf den ersten Blick.
Es ist eine besondere Poesie, die die Stich-an-Stich-Buchstaben auf den Bildern verbreiten. Dabei lebt die Bildkomposition besonders von den textilen Zusammensetzungen: Libellen schweben auf zarten Seiden, Frühlingsblumen recken sich zum Licht, geheimnisvoll-abstrakte, applizierte Stoffgebilde wachsen zu Formen und Flächen, die bereit sind, die nachfolgenden Texte literarischer und eigener Herkunft zu tragen. Wir werden angesprochen von Christian Morgenstern, Rainer Maria Rilke, Eva Strittmatter, Rose Ausländer, Eduard Mörike, Joseph von Eichendorff u.v.a. bekannten Schriftstellern.
Verschiedenste Gewebe, Gazen, Seiden ... werden aus der großen Stoffrester - Vorratskiste herausgesucht. Vorlieben gibt es dabei für Naturmaterialien, die auch selbst gefärbt werden. Ein interessantes Ausgangsmaterial bildet für Rita Zepf – Organdy. Ein transparentes Bw-Gewebe, welches durch eine gewisse Steifheit für ihre Zwecke gut verarbeitbar ist. Organdy kennt man in Verbindung mit der Herstellung von Petticoats und aufwendig drapierten Abendkleidern.

Ganz anders bei Rita Zepf.
Nahezu zaghaft scheint die Nadel der Nähmaschine mit ihrem geführten Faden das leichte, schwebend anmutende, transparente Material durchdrungen zu haben, um gleichzeitig wieder zu verbinden. Buchstaben werden sichtbar und Worte tun sich kund.
Etwa in dem Bild "Sommerregen".
"Es regnet Bindfäden ..." sagt der Volksmund. Bei Rita Zepf regnet es verschiedenste Textpassagen, die vom Regen erzählen.
Zum Beispiel: Es regnet Blümchen auf die Felder, es regnet Frösche in den Bach ... Diese zwei Zeilen gehören zu dem Gedicht "Es regnet" von der jüdischen Lyrikerin Mascha Kalèko:


Es regnet

Es regnet Blümchen auf die Felder,
Es regnet Frösche in den Bach.
Es regnet Pilze in die Wälder,
Es regnet alle Beeren wach!

Der Regen singt vor deiner Türe,
Komm an das Fenster rasch und sieh:
Der Himmel schüttet Perlenschnüre
Aus seinem wolkigen Etui.

Vom Regen duften selbst die Föhren
Nach Flieder und nach Ananas.
Und wer fein zuhört, kann das Gras
Im Garten wachsen hören.


Wen wundert es also, wenn reichlich zarte Fäden aus dem Bildgrund herausregnen ...
Alles in allem, ein spannender Prozess, wie sich Applikationen und Fadengrafik zu einem neuen Ganzen zusammenfinden:
Thematisch, erfinderisch, poetisch, gefühlvoll und verträumt ...

Rita Zepf ist, wie viele Künstler-Kolleginnen ihrer Zeit, auf dem Weg zur Kunst verschlungene Pfade gegangen. Als Absolventin der Humboldt-Uni hatte sie zunächst das Diplom für Agraringenieurwesen in der Tasche mit anschließender wissenschaftlicher Tätigkeit in einem Institut. Kaum möglich, da ihre Individualität und Kreativität leben zu können. Drum, selbst ist die Frau. Den Mutterschaftsurlaub zum Ausstieg nutzend, begab sich Rita Zepf auf eigene Wege.
Wichtigster Begleiter: ihre Nähmaschine. Sogar der Lebensunterhalt für die Familie konnte mit ihr, sowie vielen guten Ideen und fleißiger Handarbeit bestritten werden.
Inspirationsquellen fand sie dann in Russland und Asien. Nichts konnte sie mehr abbringen, ihre textilkünstlerische Laufbahn auszubauen. Seit 1999 arbeitet sie im eigenen Textilatelier. Ihre künstlerischen Arbeiten und Raumobjekte präsentiert sie in Galerien und zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland.


Auch in Dresden ist Rita Zepf keine Unbekannte.
Bereits 2006 konnte der kunstinteressierte Besucher, wie auch der zufällig vorbei bummelnde Neustadtgast in der U.R. Galerie ihre Werke bestaunen.

Damals, wie auch in der heutigen Ausstellung 2011, hat die verstoffte Kinderzeichnung ihren Platz, als ein Schwerpunkt des künstlerischen Schaffens. Dabei verwandelt die Künstlerin originalgetreu Kinderzeichnungen in Kunstwerke aus Stoff. Jedem kindlichen Detail wird äußerste Beachtung geschenkt. Kindern sind Dinge wichtig, die wir Erwachsenen manchmal übersehen. Rita Zepf arbeitet gern mit Kindern und Erwachsenen, um ihre Erfahrungen und Freuden weiter zu geben. Bei den verstofften Kinderzeichnungen schafft sie für die Zeichnung des Kindes eine Art Dauerhaftigkeit. Die eingesetzten Materialien: gefärbte Stoffe, Nähgarne und die Art der Applikation verleihen eine neue Sicht auf die Zeichnung, ohne kindliche Freiräume einzuschränken. Eine schöne Aufgabe! Kein Wunder, das Interessenten bis aus Japan auf die Künstlerin zugingen.
Ebenfalls neugierig machend: die Verwandlung eigener Fotografien. Diese werden auf textilen Untergrund gedruckt und mit gefärbten Stoffen thematisch kombiniert und ganz bestimmt mit ein paar Stichen von der Nähmaschine verbunden. Das zieht sich durch die Arbeiten der Textilkünstlerin wie ein roter Faden.


Nun machen wir eine Rast auf unserer Wanderung.
Gemeinsam sind wir ein Stück des Weges durch die interessanten Bild- und Textlandschaften voran gekommen. Bis Mitte Mai haben wir Zeit, das Sehende zu vertiefen und es vielen Menschen weiter zu sagen.

Dafür bedanken wir uns bei der Künstlerin Rita Zepf und der Galeristin Ulrike Rüttinger, die die Ausstellung bis dahin in ihren Räumen der U.R.Galerie beherbergt.

Dankeschön!


Kathrin Christoph

Copyright: Kathrin Christoph
 
 
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