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"TEXTIL TRIFFT HOLZ"

 
"In Verbindung - Textil trifft Holz II"

Gedanken zur Ausstellung von
Ulrike Rüttinger und Ralph Schieferdecker
Museum Schloss Klippenstein – 26.11.2010



Liebe Damen und Herren, verehrte Kunstfreunde,
liebe Ulrike, lieber Ralph –

In Verbindung – Textil trifft Holz –

Eine Verbindung bezeichnet ...zum Beispiel ...

... in der Technik, die Art des mechanischen Zusammenhalts...
... in der Elektrotechnik das Kontaktieren elektrischer Leiter...
... in der Geodäsie ist es die Messung zweier Punkte...
... in der Telekommunikation eine Nachrichtenverbindung...
... im Holzbau die Holzverbindung...
... in der Chemie sind es reine Stoffe, die bei chemischen Reaktionen entstehen...

und in der Kunst?
In der Kunst gibt uns Vincent van Gogh einen Anhaltspunkt:

"Das Große kommt nicht allein durch Impuls zustande, sondern ist eine Aneinanderkettung kleiner Dinge, die zu einem Ganzen vereint worden sind."

So auf Schloss Klippenstein !
Hier ist es die Kunst der Verbindung zweier Individualisten und zweier Materialien zu einem Gesamteindruck – zu einer Ausstellung, deren Vernissage wir heute hier erleben dürfen.

Textil trifft Holz
... und das nicht zum ersten Mal!
Treff Nr. 1 – 2008 Kunstbahnhof Herrnhut / Oberlausitz.
Treff Nr. 2 – heute, 2010 Schloss Klippenstein / Radeberg.

Welche Magie mag zwischen dem weich-filigranen Fadengeweb und dem bodenständig-standhaftem Baumstammpixel bestehen?

Welches Geheimnis, welche Erkenntnis offenbart sich dem Betrachter, wenn er sich einlässt auf das "Textile" und das "Hölzerne" in einer Ausstellung?
Was empfinden wir, wenn wir in den Räumen wandeln? Was tut unseren Sinnen gut?

Es ist das Seherlebnis gleichender Farbwelten.
Es ist das Erspüren abstrakter Ausdrucksweisen.
Es ist das Erahnen sich gleichender inhaltlicher Abwicklungen.
Es ist das Wohltuende einer konkreten Formensprache.
Es ist das Beruhigende der konstanten Fundamente.

Ergo ...es ist das Spannende einer gemeinsamen Idee.

Spannung herrscht dabei im gesamten Raum vor.
Im Ganzen – wie im Einzelnen, denn jedes Bild der beiden Künstler fesselt für sich.

Die Spannung im Bild – kurz Bildspannung – ist ein bekanntes Gestaltungselement. Sie drückt die Spannung zwischen Bildteilen und Bildelementen untereinander und zum Bildganzen aus. Sie kann durch Gegensätze unterschiedlicher Art hervorgerufen werden.

Zum Beispiel:
Groß-Klein, Ruhig-Bewegt,
Nah-Fern, Teil-Ganzes
Form-Format
Hell-Dunkel

Trotz des gemeinsamen pflanzlichen Ursprungs von Baumwolle und Holz, den zwei Ausgangsmaterialien, ist der in Kette und Schuss locker gewebte, weitmaschige Baumwoll-Mull, den Ulrike Rüttinger verwendet, in seiner weichen Haptik das ganze Gegenteil zur harten, hölzernen Schieferdecker’ schen Jahresring-gezeichneten Querschnittfläche in Quadratform.

Das weich-filigrane Fadengeweb, wird von Ulrike Rüttinger selbst ganz spezifisch eingefärbt, zum Beispiel in ...

herzerwärmendes - freudiges Rot,
oder ... in ringelrosiges - energisches Gelb,
vielleicht auch in frühlingserwachendes - ausgleichendes Grün,
aber immer wieder in meerwasserschillerndes - kühles Blau-Türkis, um in Gedanken am Meer zu weilen – ihrer großen Leidenschaft, wenn sie alltägliche Zwänge und Pflichten in der Stadt gefangen halten.

Dabei stehen bei ihr Primär-, Sekundär- und Komplementärfarben intuitiv in einem ausgefeilten, spannungsvollen Verhältnis. Farbkontraste – etwa in Warm-Kalt, oder Hell-Dunkel, Qualitätskontraste, wo unterschiedlich groß gestaltete Farbmengen miteinander kommunizieren sind Gestaltungsmittel, die sie gefühlvoll und aussagekräftig in ihren Bildern anzuwenden weiß.

All dieses Tun und Wissen bildet die Ausgangsbasis für die künstlerischen Arbeiten der in Dresden lebenden und arbeitenden diplomierten Textildesignerin und Galeristin Ulrike Rüttinger.
Nähend, klebend, schichtend, durchdringend, zwingend, liebkosend ... reihen sich ihre Fadengespinste, unter denen sich manchmal kleine Geheimnisse verstecken, in das Blickfeld staunender Betrachter und Kunstliebhaber. Ihre farbenfrohen und optimistischen Gedanken, Gefühle und Erfahrungen flächenhaft – transparent angeordnet, geben viel Positives an die Umwelt ab. Es sind Botschaften in abstrakter Form; Denkanstöße und Sichtweisen mit Namen u.a. wie:
"Spurensuche", "Bewegung", "Raum-Zeit", "Erinnerung" und "Grenzverschiebung" ...
Tritt man behutsam an die Bilder heran, kann man das Flüstern der ausfließenden, fransenden Gazen vernehmen, die durch korrekte Nahtgebilde oftmals gestoppt werden ...
Es kann passieren, dass jeder von uns Betrachtern eine unterschiedliche Nachricht empfängt ...
Und das ist gut so, das ist gewollt, das ist die Vielfalt ...
die Antrieb und Motor für die Schaffensfreude von Ulrike Rüttinger bedeutet.
"Wer wüchse nicht gern mit einem Engel auf?" –
Frage und Antwort gleichermaßen für 3 ihrer aktuellen Arbeiten in dieser Ausstellung.

Noch absoluter, konkreter, noch sparsamer, noch geometrisch orientierter – die schon benannten – bodenständig-standhaften Baumstammpixel – der Gegensatz zum weich-filigranen Fadengeweb – das Yang zum Yin der chinesischen Philosophie, die Arbeiten des Architekten, Holzgestalters und Künstlers LUNOVIS, alias Ralph Schieferdecker.

Neben der von ihm mit initiierten und heute hier auf Schloss Klippenstein integrierten Sonderschau – von ihm erschaffene KünstlerHaus – Rohlinge, die in einem Gemeinschaftsprojekt verschiedenster Dresdner Künstler individuell gestaltet und schon mehrfach in Ausstellungen gezeigt wurden, die andere Seite des Ralph Schieferdecker –

... Abstraktion in Vollendung – seine Bilder...

... in einer Darstellung, die jeden Bezug zur sichtbaren Wirklichkeit aufgibt und sich nur der Mittel ... Malerei, Farbe, Form und Linie bedient. Linie und Struktur der Formen treten an die Stelle eines figurativen Gegenstandes. Das Quadtrat – in dominanter Form, so dass Erinnerungen an Quadrat-Variationen von Kasimir Malewitsch, Josef Albers, Max Bill und Piet Mondrian ins Gedächtnis treten.

Aber auch hier die Botschaften für die Menschen unserer Zeit,
" Aufbruch", "Horizonte"
"Glaubensfrage", "Isolation"
"Schmaler Grad" – sind Namen seiner Bilder–
auch hier die Aufgabe der Kunst zum Ziel gemacht, ein Angebot zum Gehört- und Verstandenwerden.

Das Ausgangsmaterial: der immergrüne Lichtbaum Kiefer.
Davon: das Stirnholz ... gesägt, geschliffen, gestreichelt ...
Spannende Jahresring-Struktur-Spiele aus vorher öllasierten Quadraten zusammengesetzt, lassen die Urkraft der Natur genauso spüren, wie die liebevolle Sensibilität des Künstlers.

Reliefartiges Ein- und Ausatmen,
erahnende Kreise und Ellipsen aus der Holzmaserung heraus, durchscheinend lasiert – kontrastreich,
sichtbare Vernarbungen, Einwüchse –
als Geschichtenerzähler verpflichtet,
Aufstieg und Absturz,
Blutrot oder Eisigblau,
Abtasten, Überlegen, Zögern
und trotzdem Mut beweisen,
Auffordern zum Dankbarsein und Lebenslust und Liebe leben – jedes Quadrat leistet seinen Beitrag zum Ganzen,
jedes gezielt eingesetzte Farbverhältnis bildet Wohltat oder Aufruhr für unsere Sinne,
gibt uns Rätsel auf und lacht sich ins Fäustchen, wenn wir zu wissenschaftlich an die Erforschung der Hintergründe und Inhalte herangehen wollen, denn
Gelb ist die Sonne
und Grün ist das Leben,
das Wasser ist blau
und rot blüht der Mohn...

bei Ulrike Rüttinger und bei Ralph Schieferdecker – gleichermaßen, in Verbindung, denn, Textil traf wieder einmal Holz – voller Gegensatz im Material und voller vieler Gleichnissen in der künstlerischen Umsetzung und Darbietung.

Und bei allem, was Sie aus den Arbeiten der beiden Dresdner Künstler erspüren, erlauschen und erahnen, wünsche ich Ihnen ganz viel Phantasie, Entdeckerfreude und Lust am Leben.

Damit ist die Ausstellung "In Verbindung – Textil trifft Holz II" im Museum Schloss Klippenstein eröffnet.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.


Kathrin Christoph

Copyright: Kathrin Christoph

 
 
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